Aktuelles

Bericht zu unserer Jubiläumsveranstaltung am 28. März

Den Gleiswechsel möglich machen

Text und Bild von Anne Gülich

Seit drei Jahren gibt es die Beratungsstelle WEIche, Fachstelle gegen sexuelle Gewalt, im Landkreis Eichstätt. Aus diesem Anlass trafen sich am Donnerstag regionale und überregionale Netzwerk- und Kooperationspartner im Dienstleistungszentrum in Lenting. Auf dem Programm standen Austausch, das Kennenlernen der Arbeit der WEIche und der Vortrag „Traumatisierte Menschen verstehen und unterstützen" des Erlanger Psychiaters und Traumatherapeuten Tilman Rentel.

Das Logo der Beratungsstelle ist eine Weiche, die Gleise von einer zu zwei Spuren führt - mit einem groß geschriebenen EI als Verbindung zum Landkreis Eichstätt in der Mitte. „Wir wollen Menschen mit ihrer Geschichte begleiten und ermutigen, mit und trotz ihrer erlittenen Erfahrungen einen neuen Lebensweg zu finden und neue Weichen zu stellen", fasste Psychologin und Weiche-Mitarbeiterin Angelika Söder das Ziel der Fachstelle zusammen. Eine Aufgabe sei die Beratung von betroffenen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen sowie von Angehörigen und Bezugspersonen. Außerdem biete die WEIche Fortbildungs- und Präventionsangebote an. „Das Wissen um die Dynamik bei Missbrauch ist Basis der Arbeit. Sexueller Missbrauch ist immer Vertrauensmissbrauch, die Täter gehen strategisch vor, so wird die Wahrnehmung der Betroffenen vernebelt und das sich jemand anders anvertrauen wir dadurch extrem schwierig", erläuterte Söder.

Landrat Anton Knapp hob in seinem Grußwort hervor, dass - obwohl das öffentliche Interesse stark zugenommen habe - eine weitere Sensibilisierung und eine Entstigmatisierung der Betroffenen dringend notwendig sei. „Die Fachstelle leistet hierzu einen großen Beitrag - sowie auch zur Prävention", so der Landrat. Das Ziel sei immer noch – wie schon bei der Gründung vor drei Jahren: Kein Raum für Missbrauch im Landkreis Eichstätt. Dass das Angebot angenommen werde, könne man schon an der Erweiterung des Personals sehen. Waren es bei der Gründung 2016 noch zwei Mitarbeiterinnen, arbeiten heute schon vier (darunter eine männliche Fachkraft) in der WEIche.

Die rund 80 Gäste erlebten einen höchst informativen und kurzweiligen Vortrag des Erlanger Facharztes für Psychiatrie, Psycho- und Traumatherapie, Tilman Rentel, der zum Thema „Traumatisierte Menschen verstehen und unterstützen" referierte und durch eine Gesangseinlage und kurze Austausch-Runden über die schönen Dinge des Lebens aktiv Gegengewichte zum belastenden Thema setzte. Diese „Stabilisierung der Ressourcenseite" ist laut Rentel auch eine Hauptgrundlage für seine Arbeit mit traumatisierten Menschen.

Der Erlanger Arzt erklärte den Begriff „Trauma" als Erleben von Bedrohung, Todesangst, Hilflosigkeit, Ohnmacht, Schutzlosigkeit und Verletzung und unterschied zwei Kategorien von traumatisierenden Ereignissen: Naturkatastrophen wie Erdbeben, Unfälle, Erbeben, Überschwemmungen und auch Krankheiten einerseits sowie „von Menschen gemachte" wie sexuelle Gewalt, schwere Vernachlässigung, emotionale Gewalt, plötzlicher Verlust vertrauter Menschen und sozialer Sicherheit andererseits. Rentel betonte: „Auch Zeuge von schrecklichen Ereignissen sein zu müssen, kann traumatisieren."

Bei Kategorie eins, den Naturereignissen, fänden Säugetiere wie der Mensch normalerweise Trost und Schutz bei anderen Säugetieren, bei Kategorie zwei, den Gewalttaten anderer Menschen, hätten sie erfahren müssen: unsere Art ist gefährlich! Lieber vertraue man sich daher keinem anderen Säugetier mehr an, „oder wenn, dann dem Pferd, dem Hund oder dem Kaninchen", so Rentel. Angesichts der Tatsache, dass oft gar nicht das Ereignis selbst das Schlimmste sei, sondern das Nicht-aufgefangen-werden vom sozialen Umfeld, sei das besonders fatal.

Der Psychotherapeut nannte Zahlen: 2016 habe es über 12.000 Ermittlungen und Strafverfahren nur für sexuellen Kindesmissbrauch gegeben, jeder 7. bis 8. in Deutschland sei betroffen, zu 75 Prozent Mädchen. 80-90 Prozent der Täter seien Männer und männliche Jugendliche. Rund ein Viertel der Missbrauchsfälle finden in der engsten Familie statt

Rentel erklärte eindrücklich die Überlebensstrategien der Opfer und die Grundlagen einer Behandlung: Sicherheit, Fürsorge, Interesse, Empathie, heilsame Beziehungen und – wie mit den Zuhörern selbst ausprobiert -die Stärkung der Ressourcenseite.

Anna Karg und Udo Schwager von der WEIche stellten das neue, sich im Aufbau befindliche Angebot der Fachstelle vor: Beratung und Intervention für sexuell grenzverletzende Kinder und Jugendliche bis 18 Jahren. Es beinhalte sowohl ein Training mit dem Jugendlichen als auch die Begleitung der Eltern und des Umfelds, erläuterte Schwager. Karg fügte hinzu: „Das verstehen wir als aktiven Opferschutz, da durch die frühzeitige Arbeit mit Übergriffigen weitere potentielle Opfer verhindert werden können. Studien belegen, dass erwachsene Sexualstraftäter häufig bereits im Jugendalter übergriffiges Verhalten gezeigt haben."

Das Bild zeigt den Referenten Dr. Tilman Rentel (2. v.l.) und die MitarbeiterInnen der Weiche Udo Schwager, Angelika Söder und Anna Karg; nicht auf dem Foto Christine Brandt

Freitag, 8.März, ist Frauentag

Eichstätt (EK) Am 8. März wird weltweit der internationale Frauentag begangen: Dieser soll daran erinnern, dass viele Frauen lange und hart für gleiche Rechte gekämpft haben.
Es hat sich vieles getan - auch im Landkreis Eichstätt. Dort gibt es seit 2016 die WEIche, eine Fachstelle gegen sexuelle Gewalt. Sie unterstützt alle im Landkreis Wohnenden, denen Leid in Form von sexueller Gewalt - sei es als Kind oder Jugendlicher oder im Erwachsenenalter - angetan wurde.

Dies ist wissenschaftlichen Annahmen zufolge deutschlandweit etwa jede achte Person. Denn immer noch herrschen in der Gesellschaft oft patriarchale Strukturen, welche sexuellen Missbrauch begünstigen können, die Opfer solcher Taten sind in der Mehrzahl Mädchen und Frauen. Deshalb stellt neben dem Beratungsangebot für Betroffene die Sensibilisierung und Aufklärung über das Thema "sexueller Missbrauch" einen wichtigen Aspekt der Arbeit der Fachstelle dar. Gespräche können direkt in der Beratungsstelle oder an einem vereinbarten Ort stattfinden. Diese sind selbstverständlich vertraulich, kostenfrei und auf Wunsch anonym möglich.

siehe auch: https://www.donaukurier.de/lokales/eichstaett/Freitag-ist-Frauentag;art575,4104433

4. Europäischer Tag gegen sex. Gewalt gegen Kinder am 18.11.

Der „Europäische Tag zum Schutz der Kinder vor sexueller Ausbeutung und sexueller Gewalt" ist eine Initiative des Europarates und findet seit 2015 jährlich am 18. November statt. Ziel ist es, das Problembewusstsein in den Mitgliedsstaaten zu schärfen, gegen alle Formen sexueller Gewalt an Kindern anzukämpfen und nationale wie europaweite Aktivitäten besser zu vernetzen und bekannt zu machen. Für den diesjährigen Themenschwerpunkt „Schutz von Kindern vor Missbrauch im Sport" hat der Europarat einen Spot und zahlreiche Informationsmaterialien entwickelt, die von allen Ländern kostenfrei genutzt werden können.

Weitere Informationen: https://www.coe.int/en/web/children/2018-Edition

Bundesweite Kampagne "100% für Beratung"

Die Bundeskoordinierung spezialisierter Fachstellen (BKSF) führt von Oktober 2018 bis Mai 2019 eine Kampagne zur Bekanntmachung der Arbeit von Fachstellen durch. Die Weiche beteiligt sich an dieser bundesweiten Aktion, um als gutes Beispiel zu zeigen, dass eine gesicherte Finanzierung einer Beratungsstelle möglich ist. Außerdem möchte sie auf die Wichtigkeit der Beratungstätigkeit und der Versorgung Betroffener aufmerksam machen.

Spezialisierte Fachstellen wie die Weiche unterstützen und begleiten auf vielfältige Art und Weise und sind oft die ersten Anlaufstellen. Darum ist es notwendig, dass die Bevölkerung Kenntnis von dieser Möglichkeit hat.

Weitere Informationen zur Kampagne finden Sie entweder

- im Netz unter: https://100pro-beratung.de/

- auf Facebook: @ FachberatunggegensexuelleGewalt

- auf twitter: #100%fürBeratung

- oder auf instagram: #100%fürBeratung 

"Trau Dich!" zum zweiten Mal im Landkreis Eichstätt

Am 12.10.2018 machte die Initiative der BzGA "Trau Dich!" mit dem gleichnamigen Theaterstück erneut in Eichstätt Station. Ermöglicht wurde dies durch die Zusammenarbeit von Jugendamt und Schulamt, die Projektverantwortung übernahm wie auch schon 2017 die Weiche. In zwei Aufführungen verfolgten über 500 SchülerInnen im Alten Stadttheater gebannt das Stück zum Thema Grenzen, Selbstbestimmung, Nein sagen und Prävention von sexuellem Missbrauch. Doch die Dritt- und Viertklässler waren nicht nur passive Zuschauer, sondern wurden von den Schauspielern aktiv in das Stück miteinbezogen. So wurden die Kinder bereits vor dem Stück zu ihren Gefühlen befragt oder wem sie denn ein Geheimnis anvertrauen würden. Ein Teil der Antworten wurde dann im Verlauf der Aufführung wiedergegeben.

Einen ausführlichen Bericht finden Sie unter https://www.donaukurier.de/lokales/eichstaett/Theaterstueck-Trau-Dich-Kinder-duerfen-Nein-sagen;art575,3946864

Kein Raum für Missbrauch! Fortbildung für Kitapersonal

Die Prävention sexuellen Missbrauchs stellt eine große Herausforderung für alle dar, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten.

Meist besteht jedoch eine große Unsicherheit beim Thema Sexualität im Allgemeinen und beim Umgang mit einem Verdacht auf sexuellen Missbrauch im Speziellen. Aus diesem Grund fand am 15. Mai im Landratsamt Eichstätt eine Fortbildungsveranstaltung für Kita-Leitungen und Kita-Mitarbeiterinnen statt.

Veranstalter war die WEIche, die Fachstelle gegen sexuelle Gewalt im Landkreis Eichstätt. Unter dem Thema "Kein Raum für Missbrauch! Ein sexualpädagogisches Konzept entwickeln und Kinder schützen" kamen über 20 Teilnehmerinnen aus verschiedenen Krippen, Kindergärten und Horten aus dem Landkreis zusammen. Einen ganzen Tag lang beschäftigten sie sich mit den verschiedenen Facetten der Sexualität, der sexuellen Entwicklung von Kindern, "Doktorspielen" und sexuellen Aktivitäten von Kindern, der Erstellung eines sexualpädagogischen Konzepts und wie man dies alles in der Zusammenarbeit mit Eltern transparent umsetzen kann.

Neben den theoretischen Inhalten, die von den beiden Mitarbeiterinnen der WEIche, der Sozialpädagogin Anna Karg und der Psychologin Angelika Söder, dargestellt wurden, war auch viel Zeit für einen anregenden Austausch untereinander. So entstanden intensive Diskussionen über die Art und Weise, wie man Sexualpädagogik bereits im Kleinkindalter altersangemessen gestalten kann und wie das pädagogische Personal selbst mit Nacktheit und Sexualität umgeht. Vor allem durch die vielen Praxisbeispiele der Teilnehmerinnen und der Referentinnen konnten alle Anwesenden wertvolle Erfahrungen und Tipps für ihre Arbeit mitnehmen. Als positive Erkenntnis stellten die Teilnehmerinnen zum Schluss fest: "Die Veranstaltung gibt Sicherheit, und es ist hilfreich zu wissen, dass man nicht alleine dasteht".